Fliegen in der Toskana



panorama of tuscany


Was tut man als PPL-Inhaber, wenn das Familienurlaubsziel am Boden angesteuert wird und die Befürchtung naheliegt, daß man zwischen Hochkultur und Sandstrand die verdünnte Luft vermissen könnte?

Richtig, man sieht sich nach Chartergelegenheiten um.
Das heuriges Reiseziel war die südliche Toskana, was auch aus der Luft reizvolle Perspektiven versprach. Nach einigen Recherchen im Internet stieß ich auf ein in Italien praktisch unverzichtbares Hilfsmittel: den Avioportolano. Dieser stellt sozusagen die inoffizielle AIP für Italien dar. Enthalten sind neben den Flughäfen nämlich auch alle Flugfelder (aviosuperficie genannt), die teilweise in der offiziellen AIP gar nicht enthalten sind. Ebenso enthalten sind auch Kontaktdaten. (Anmerkung: ist allerdings nur in Italienisch, was ich glücklicherweise ein Weilchen studierte! Die wichtigsten Sachen sind aber quasi selbsterklärend).
Für mich kamen nach genauer Betrachtung Grosseto oder Siena in Betracht. Grosseto hätte einige Vorteile: Nähe zum Meer, sowie mir bekannte Flugzeuge. Der große Nachteil: der Aeroclub nutzt die militärische Infrastrukur und befindet sich außerhalb des Stützpunktes. Will man starten muss man das vorher mit dem Flugdienstleiter des Horstes abklären und da haben natürlich die Eurofighter Vorrang... also ungewiss und für die kurze Dauer eines Urlaubs zu unsicher. Ich war trotzdem dort, denn am Stützpunkt stehen ausgemusterte F-104 Starfighter als Denkmale für 40 Jahre Truppendienst und eine F-86 Sabre (fotografieren dieser hochgeheimen Rüstungswerkzeuge natürlich verboten! )

F-104 40 yearsF-86 monumentF-104 monument 4th fighter group grosseto

Blieb also Siena. Da dort nur mir bisher unbekannte Fluggeräte verfügbar waren kurzerhand die e-mail Anfrage: kann man sich bei Euch eine PA-28 mit Fluglehrer ausborgen und auch gleich ein differnces trainig machen? Die unbürokratische Antwort: certo che si! (Soviel wie: Na sicher!) Also per mail noch schnell deponiert, daß ich mich per Telefon vor Ort melden werde.

Nachdem also dann vor Ort ein Termin mit Chefausbildner CFI Stefano Mori fixiert war, begab ich mich nach Siena/Ampugnano LIQS. Der Flughafen liegt westlich von Siena, verfügt über eine Asphaltbahn mit der stattlichen Länge von 4100 Fuß und der Ausrichtung 18/36, sowie über ein eigenes VOR, das aber gerade außer Dienst war. Mir egal, dachte ich, ich will ja eh was sehen...

Airport Siena   Siena Tower   Aeroclub di Siena Einfahrt zum Hangar


Das gebuchte Flugzeug war eine Piper PA-28-161 mit Kennung I-DALS und, wie der Name sagt, 161 PS. Fixprop dafür Autopilot mit Höhenhaltung, ein recht einfaches Flugzeug, genau das richtige für einen Sightseeing-Trip über der Toskana.

Piper PA-28   Cockpit PA-28


Nach der Begrüßung und Festlegung der Route folgt ein kurzes, aber sehr professionelles Briefing durch Stefano Mori in Bezug auf Eigenheiten des italienischen Luftraumes und Funkverkehrs: englisch spricht man besonders auf kleinen Plätzen und aviosuperficies oft nicht, sehr oft ist dann aber auch halt gar niemand am Funk. Bei vorheriger telefonischer Anmeldung und Freigabe überfliegt man den Platz in niedriger Höhe und setzt dann beim Landen Blindmeldungen ab, vorzugsweise in Italienisch, nämlich: sottovento - base - finale, jeweils mit Pistennummer. In Siena darf es aber auch Englisch sein (das aber auch abenteuerlich genug ist; daher übergebe ich den Funk an meinen FI und höre mir gleich die Praxis in Landessprache an, AFZ hin oder her...) Danach folgen noch Erläuterungen zum Flugzeug und wir begeben uns zum Hangar für den Preflight-Check.

Motorcheck mit Stefano Mori


Was nun folgt ist die übliche Einweisung mit Stalls in allen Konfigurationen, Trudeln ausleiten, Slips, Kurven links/rechts sowie ein paar Starts/Landungen. Ich fühle mich gleich heimisch; meine liebste Karin, welche das Spektakel vom Platz mitverfolgt betont jedoch nachher, daß sie sich das deutlich lieber vom Boden aus ansieht...
Nach Absolvierung machen wir eine full stop landing und laden besagte Karin, sowie meinen Sohn Wendelin ein und begeben uns auf die eigentliche Sightseeing-Tour.
Im Osten liegt gleich ein militärisches Tieffluggebiet, der Einflug ist verboten und über uns ist die MCTR von Grosseto, also melden wir uns gleich nach dem Start bei Grosseto INFO und erbitten dort die Freigabe für einen Überflug von Florenz, welches auch gleich ohne Murren nach kurzer Nachfrage genehmigt wird. Wir nehmen daher Kurs nach Norden.
Die Temperatur ist in der Toskana nicht übertrieben hoch, daher steigt die Piper auch mit vier Leuten akzeptabel, aber bei 3000 ft ist nach oben sowieso Schluss laut Freigabe. Wir passieren Pisa östlich (es liegt laut meinem FI auf 7ft elevation), sinken auf 1600, melden uns bei Florenz und fliegen in die CTR von Florenz ein und kurz danach sind wir über der Stadt.

Florenz aus der Luft


Das Panorama ist atemberaubend, der Dom, Ponte Vecchio, der Arno, die berühmten Gärten, die Uffizien, alles was sich jährlich Millionen Touristen am Boden anschauen bietet sich uns aus einer sehr exklusiven Perspektive ohne Gedränge dar. Meinen Sohn begeistert zwar mehr das Fussballstadium und mich interessiert auch der praktisch in der Stadt liegende Flughafen, aber nach kurzer Zeit fragt bereits Firenze Airport nach unserer weiteren Verweildauer, weil dort ein Flugschüler herumkrebst und der Tower daher etwas nervös ist und so verlassen wir die CTR nach ein paar Runden wieder.

Das Flugzeug ist für eine Stunde gebucht, daher müssen wir auch schon wieder den Rückweg antreten. In einem Bogen ostwärts führt er uns über ein schönes Stück der Chianti nach Siena und von dort zu unserer homebase Ampugnano.

Siena aus Luft   Siena von Oben


Der Weg von Siena bis Ampugnano dauert in der Luft knappe fünf Minuten, nachher am Boden dank italienischen Verkehrs über eine halbe Stunde...

Fazit: ca. 1,5 Stunden mehr im Logbuch und ein Flugzeug mehr in der Kollektion der geflogenen Typen. Wer beim Aeroclub di Siena ein Flugzeug über mehr als eine Stunde chartern will sollte Kurzzeitmitglied (€ 60.-) werden, dann ist die Minutengebühr weit billiger. Avgas (und überhaupt Treibstoff) ist in Italien ziemlich teuer, daher ist auch Fliegen in Italien kein billiger Spass.
Inklusive Instructor, Clubgebühr und Flugzeugkosten hat mich der Spass fast 400.- Euro gekostet, aber das muß es einem Wert sein, wie meine liebste Karin sehr richtig sagt...

Dafür hat der anwesende Chef vom Dienst des Aeroclub di Siena dann auch noch meinem Sohn und mir ein Clubleiberl geschenkt und uns somit offiziell als 'pilota italiano' in den Club aufgenommen. Ich konnte mich wenigstens mit unseren Fliegergruppe-Stickern revanchieren, die erfreut entgegengenommen wurden und fortan die senesische Sammlung zieren werden...


Nachthimmel über der Toskana